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Last minute-Lernplan für das Assessorexamen

Ihr Lieben, heute möchte ich euch einen SOS-Last Minute-Lernplan für das Assessorexamen mitgeben.

 

Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass im Referendariat meistens nicht genug Zeit bleibt, um sich rechtzeitig und umfassend auf das Assessorexamen vorzubereiten, auch wenn man es sich ganz, ganz fest vorgenommen hat ;-) 

 

Gefühlt hat das Referendariat gerade erst angefangen, da steht das Examen schon vor der Tür und man fühlt sich, als wäre man überhaupt nicht vorbereitet. Trotz Motivation und Ehrgeiz, wächst der Stapel der zu schreibenden Übungsklausuren und der zu lesenden Urteile und Skripten und mit ihm der Stress. Der Berg an zu bewältigendem Stoff ist scheinbar unendlich und neben den neuen Techniken und Inhalten aus dem Referendariat gibt es bei den meisten noch mindestens einen Miniberg Altlasten, den man aus dem Studium mitgeschleift hat und irgendwann mal nachlernen wollte. Man stellt entsetzt fest, wie wenig die Klausuren mit der Praxis zu tun haben und fragt sich, wie man die Fülle an Stoff bewältigen soll und wie man den Stoff am besten strukturiert bekommt. 

 

Wenn ihr euch auch so fühlt, lasst euch gesagt sein, es geht jedem so.  Das macht es zwar nicht besser, relativiert es aber. Wichtig ist es jetzt, einen kühlen Kopf zu bewahren und sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Macht euch klar, was auf euch zukommt und lernt systematisch.

 

Ich habe mein Referendariat in Frankfurt absolviert und war zudem Landessprecherin der Referendare. Ich stand also in regelmäßigem Kontakt zum Prüfungsamt und den anderen hessischen Landgerichtsbezirken. Daher gehe ich im Folgenden auf die in Hessen zu schreibenden Klausurtypen ein. In Hessen werden 8 Examensklausuren geschrieben und zwar nach folgendem Schema:

 

Z1 = Zivilgerichtliches Urteil 1. Instanz

Z2 = Klausur mit prozessualem Schwerpunkt in der Regel Zwangsvollstreckung

Z3 = Rechtsanwaltsklausur oder Kautelarklausur

Z4 = Arbeitsrecht/Wirtschaftsrecht Urteil oder Rechtsanwaltsklausur

S1 = Staatsanwaltsklausur

S2 = Urteil oder Revision

V1 = verwaltungsgerichtliches Urteil

V2 = Behördenklausur oder Rechtsanwaltsklausur

 

Schreibt ihr euer Examen in einem anderen Bundesland, holt euch bitte über euer zuständiges Prüfungsamt und aus den einschlägigen Gesetzen die entsprechenden Informationen ein.

 

Was also ist zu tun? wie lerne ich den ganzen theoretischen Stoff aus der abstrakten Form in die Klausur einfließen zu lassen? Und vor allem, wie schaffe ich das alles in der verbleibenden Zeit?!

 

Meiner Meinung und Erfahrung nach ist es wichtig, sich auf folgende Bausteine zu konzentrieren:

 

1. Basics

Mit Basics meine ich die Grundlagen im materiellen und prozessualen Recht, die ihr auf jeden Fall beherrschen solltet, um auch mit unbekannten Fragestellungen und Rechtsgebieten umgehen zu können. Das Meiste ist aus dem Studium wahrscheinlich noch bekannt oder zumindest reaktivierbar.

 

Materielles Zivilrecht:

BGB AT - die Grundlagen kommen ständig vor und werden fehlerfrei vorausgesetzt

Schuldrecht AT - besonders § 280 BGB

Schuldrecht BT - Kaufrecht, Mietrecht, Werkvertragsrecht, atypische Verträge

§§ 823 ff. inkl. StVG (!)

§§ 812 ff. BGB Grundzüge

Mobiliarsachenrecht (929 ff, 985 ff.) Grundzüge

Immobiliarsachenrecht häufig iVm Erbrecht

Erbrecht Grundzüge

Familienrecht Grundzüge

Gestörte Gesamtschuld Grundzüge

Handels- und Gesellschaftsrecht Grundzüge

Arbeitsrecht, insbesondere Kündigungsschutzklage und Haftungsprivilegierung

Wirtschaftsrecht inkl. UWG

 

AnfG, VVG, ProdHaftG, ZVG, RVG (anwaltliche Gebühren genauer), Systematik GBO, InsO, ZVG, StVG

 

Prozessuales Zivilrecht:

Aufrechnung (Haupt- und Hilfsaufrechnung)

Versäumnisurteil

Erledigungserklärung (vollständig/teilweise, einseitig/übereinstimmend)

Rechtsbehelfsbelehrung (§§ 232, 233 ZPO)

Widerklage, Drittwiderklage, Hilfswiderklage, Isolierte Drittwiderklage

Tenorierungen, Baumbach’sche Formel

Berufung in Grundzügen wichtig in der RA-Klausur im Rahmen der Zweckmäßigkeitserwägungen

Folgeprozess

Streitverkündung

Verjährungshemmung

§ 767 ZPO, § 771 ZPO (Grundzüge § 805 ZPO, der identisch geprüft wird wie § 771 ZPO), § 766 ZPO

Rechtsmittel gegen § 766 ZPO (Beschwerde)

Verlängerte Klagen (§§ 767, 771, 805 ZPO) nach Erlösauskehr

Arrest und einstweilige Verfügung

Grundzüge Einziehungsklage

Tenöre 

 

Strafrecht:

Versuch/Rücktritt vom Versuch

Verschiedene Beteiligungsformen (Mittäterschaft etc.)

Fahrlässigkeitsdelikte in Grundzügen

Mord, Totschlag, Körperverletzung

Abgrenzung Raub, Räuberische Erpressung

Betrug, Urkunde, Diebstahl

Straßenverkehrsdelikte (sehr prüfungsrelevant)

OWiG, BtmG, WaffenG, AO in Grundzügen, es reicht, sich die relevante Normen anzusehen

Beweiserhebungs- und Verwertungsverbote - Einleitung Meyer-Goßner RN 47-56 e!

  

Öffentliches Recht:

Erledigung

Rücknahme

Klageänderung

Widerspruch

Klagearten

Rücknahme und Widerruf von Verwaltungsakten

Definitionen  wie „Zuverlässigkeit“/ „Unzuverlässigkeit“ z.B. iSd Waffengesetzes, GaststättenG etc.

Folgenbeseitigungsanspruch

Abwehr- und Unterlassungsanspruch

Ermessensprüfung (hier werden die Punkte geholt!)

Kostenbescheide 

Zwangsvollstreckung

Grundrechte Grundzüge 

Baurecht

Polizeirecht - häufig in unbekannten Rechtsgebieten anzuwenden, deshalb sind Definitionen wichtig!

KommunalR (Grundzüge)

Versammlungsrecht (Stichwort Pegida)

Gewerberecht (auch Zulassung zu Märkten etc.)

Immissionsschutzrecht Grundzüge

Wasserrecht Grundzüge

Europarecht Grundzüge

 

2. Klassiker

Hier bitte die klassischen Fälle wiederholen, die kommen immer wieder vor. auch in abgewandelter Form.

Wie z.B.: im Strafrecht der SB-Tankstellenfall. Eine gute Übersicht findet ihr z.B. hier:

 

- https://www.iurastudent.de/leadingcase/die-trierer

- http://www.juraexamen.info

 

3. Aktuelle Rechtsprechung

Ganz wichtig: Habt immer einen Überblick über die aktuelle Rechtsprechung und die aktuellen Examensklausuren. Die findet ihr z.B. hier:

 

- www.bundesgerichtshof.de

- www.juraexamen.info

- www.andera-klamser.de

- www.lto.de

- Zeitschriften

- Rechtsprechungsübersichten der Repetitoren 

- www.Juristenkoffer.de

 

Häufig laufen die Examensklausuren der vorangegangenen 1-2 Termine in der Mündlichen.

 

4. Aufbauschemata

Es macht wirklich Sinn, Standardformulierungen und Aufbauschemata auswendig zu lernen, da man in den Klausuren wahnsinnig schnell sein muss und keine Zeit hat über solche Dinge nachzudenken.

 

Bitte informiere dich, welche Klausuren in deinem Bundesland geschrieben werden und orientiere dich daran. Welche Klausuren in Hessen geschrieben werden, habe ich anfangs erläutert.

 

Für die Urteilsklausuren im Zivilrecht solltet ihr folgende Konstellationen beherrschen:

 

- Voll stattgebende Urteile, voll abweisende Urteile, teilweise stattgebende Urteile

- Urteile nach VU 

- Urteile mit Haupt- und Hilfsaufrechnung

- Urteile mit Widerklage und Drittwiderklage

- Urteile mit einseitiger und übereinstimmender (teilweise und vollständig) Erledigung

- Anerkenntnis- und Teilanerkenntnisurteil

 

Am besten macht ihr euch für jede der Konstellationen ein Blatt, wobei ihr auf der Vorderseite den Aufbau des Tatbestands und auf der Rückseite den Aufbau der Entscheidungsründe notiert. Wichtig: schreibt euch direkt die entsprechenden Obersätze dazu. 

 

Außerdem solltet ihr den Aufbau von:

 

- 91 a-Beschlüssen 

- Rechtsanwaltsklausuren aus Kläger- oder Beklagtensicht

- Kautelarklausuren

- Zwangsvollstreckungsklausuren (§§ 767, 771, 766 ZPO)

 

kennen.

 

Zur Zwangsvollstreckung im Thomas Putzo die Kommentierung bei § 704 (Vorbem.) durchlesen!

 

Im Strafrecht

StA-Klausur (inklusive Haftbefehlsklausur)

Revisionsklausur

Urteilsklausur 

 

Im Öffentliches Recht

Gerichtliche Klausuren (Urteil und Beschluss)

Rechtsanwaltsklausur 

Behördliche Klausuren

 

5. Klausurentraining

Schreibt so viele Übungsklausuren, wie ihr könnt! Ich weiß, es nervt und kostet ohne Ende Zeit, aber es hilft. Mehr als alles andere. Punkt. Wenn die Zeit euch wegrennt, dann löst die Klausuren wenigstens mündlich in einer Gruppe oder alleine, aber tragt dabei den Text vor, als würdet ihr ihn schreiben. So übt ihr zumindest das Formulieren. 

 

Ich hoffe, ich konnte euch damit ein wenig helfen und euch zeigen, dass es gut strukturiert doch überschaubarer wird und ihr es schaffen könnt! Denkt daran, auch Pausen einzulegen und Dinge zu tun, die euch gut tun. Es ist wichtig auch mental und körperlich fit zu sein in den Prüfungen, deshalb bewegt euch, macht Sport und habt Spaß! Sucht euch einen Ausgleich und belohnt euch für Etappenziele. Und lasst euch nicht entmutigen, wenn die Übungsklausuren nicht direkt gut laufen. Häufig werden diese zu Übungszwecken sehr streng bewertet. Seht es als Chance an, aus euren Fehlern zu lernen und fertigt euch eine Fehlerliste an. Denn es ist wirklich sehr wichtig, die geschriebenen Klausuren auch auszuwerten. Notiert euch die Fehler die ihr gemacht habt und wiederholt den Stoff. Jeder vor dem Examen gemachte Fehler ist schon einmal einer weniger für den Ernstfall!!!

 

Ich drücke euch allen die Daumen, ihr schafft das!

Eure Mutter mit Herz ♥︎

  

Hilfreiche weiterführende Links:

 

https://justizpruefungsamt.hessen.de/juristenausbildung/2-staatsprüfung

 

https://justizpruefungsamt.hessen.de/sites/justizpruefungsamt.hessen.de/files/content-downloads/Stoffkatalog_für_die_Aufsichtsarbeiten_in_der_zweiten_juristischen_Staatsprüfung_02_17.pdf

 

http://www.lexsoft.de/cgi-bin/lexsoft/justizportal_nrw.cgi?t=152380160529469397&sessionID=12718522641263039448&chosenIndex=Dummy_nv_68&templateID=document&source=context&source=context&highlighting=off&xid=169594,1

 

http://www.lexsoft.de/cgi-bin/lexsoft/justizportal_nrw.cgi?xid=425024,2