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Be Beauty not cutie - Die Falle der Selbstoptimierung

Selbstoptimierung ist Trend und seit geraumer Zeit in aller Munde. Floskeln wie: „Werde dein Bestes Ich", "die beste Version deiner selbst" oder "nutze dein volles Potential" begegnen uns tagtäglich und können uns mitunter ganz schön unter Zugzwang setzen.

 

Aber wieso um Himmels Willen soll ich mich denn optimieren? bin ich denn nicht gut so, wie ich bin? DOCH, finde ICH jedenfalls und ich setze sogar noch eins drauf: „feiere deine Einzigartigkeit und zelebriere dich und zwar genau so wie du bist!“.

 

Um hier nicht falsch verstanden zu werden, möchte ich zunächst einmal die Begriffe Selbstoptimierung und Ehrgeiz erläutern.

 

Unter Ehrgeiz verstehe ich einen starken, zielgerichteten Willen zum Erfolg. Genauer gesagt, den Willen, in einem konkreten Vorhaben erfolgreich sein zu wollen und dazu bereit zu sein, dafür sein Bestes zu geben. Es geht also um den Wunsch, sich individuell weiterzuentwickeln, seine eigenen Grenzen kennenzulernen, sie auszutesten und zu verschieben. Ehrgeiz ist also letztlich der Wunsch nach Weiterentwicklung. Weiterentwicklung im Einklang mit den eigenen Bedürfnissen.

 

Selbstoptimierung hingegen ist für mich der Zwang, in allen Bereichen seines Lebens Höchstleistungen erbringen zu müssen und zwar gemessen an den Leistungen der anderen. Es ist der Versuch, sich durch die Erbringung der vermeintlich von den anderen erwarteten Leistung Anerkennung zu verschaffen und sich dadurch letzlich selbst akzeptieren zu können. Die Motivation zu einer Leistungserbringung dieser Art ist meistens nicht die Befriedigung der eigenen Bedürfnisse, sondern ein Erwartungsdruck, der dem Vergleich mit anderen Personen entspringt und uns Dinge tun lässt, die uns nicht gut tun, sondern uns unter Stress setzen. Dieses Vergleichsverhalten wird gefördert durch Instrumentarien wie irreale Instagrampostings, Fitnesstracker, Schrittzähler, Health-und Fitnessapps, etc. Was anfangs aussieht, wie eine Organisationshilfe, entpuppt sich im Rahmen der Anwendung oft als Diktator unserer Freizeit und Freiheit. Plötzlich ist mein Schlaf nicht mehr tief und lang genug, mein Puls beim Joggen zu hoch und die Nachbarin 4 Kilo leichter. Plötzlich ist man auf Instagram gefühlt die Einzige, die nicht ständig an den schönsten Stränden der Welt abhängt, die Einzige, die Cellulite hat und nicht brathähnchenbraun ist, die Einzige, die nicht zuckerfrei, glutenfrei und vegan is(s)t und die Einzige, die nicht jedes neue Teil im Kleiderschrank hat. Um diesem „ich-bin-die-Einzige-die" - Gefühl zu entkommen, beginnt man so zu werden, wie man glaubt, sein zu müssen. Das macht uns dann doppelt unglücklich: Denn 1. machen wir Dinge, die wir vermeintlich machen müssen und nicht Dinge, die unseren Bedürfnissen entsprechen und 2. ist es unmöglich, diese Ziele alle zu erreichen und der Frust ist somit vorprogrammiert.

 

Wir starten also bereits mit einem Gefühl der Unzulänglichkeit, messen uns an teilweise irrealen und unrealistischen Vorgaben, die wir niemals auf eine Weise erreichen können, die uns zufrieden macht und ignorieren dazu noch unsere eigenen Bedürfnisse. Das Unglück ist im Grunde vorprogrammiert, da es irgendwo auf der Welt (oder wenigsten in der gephotoshopten Welt) immer jemanden geben wird, der das ein oder andere besser kann als man selbst oder sich zumindest besser präsentiert. Und genau hier wird ganz klar, warum die Selbstoptimierung ungesund ist: Wenn meine Selbstachtung und das Gefühl, was ich mir Wert bin davon abhängt, ob andere mich oder das, was Ich mache respektieren, bewundern oder mögen, ist mein Wohlbefinden nicht nur von den Launen der anderen abhängig, sondern laufe ich vorallem Gefahr, mich selbst zu verlieren. Das Gefühl des Selbstwertes ist eine höchst intime und individuelle Angelegenheit und sollte nicht in den Händen anderer liegen. Ein Zwiegespräch zwischen deinem Herz und deinem Kopf, ein ständiges Reflektieren deiner Lebenserfahrungen und ein Abgleich mit deinen Erwartungen bilden die richtige Grundlage und ganz sicher nicht der Blick auf eine Fitnessuhr, die Waage oder deinen Instagram-Account.

 

Gesunder Ehrgeiz und der Wille sein Bestes zu geben, beispielsweise bei einem Wettkampf, einer Klausur oder einem guten Essen, kann sehr beflügelnd und euphorisierend sein. Setzen wir uns aber dem Druck der Perfektion in allen Lebensbereichen aus, führt dies dazu, dass wir uns gnadenlos überfordern, den Bezug zu uns selbst verlieren und unglücklich und krank werden. Wir lassen und bei all unserem Tun nicht mehr von uns selbst leiten, sondern von Zielvorgaben und Vergleichsdaten. Der ständige Vergleich mit anderen führt dazu, dass wir gegeneinander statt mit- und füreinander sind und somit in die Isolation. Die ständige Kontrolle macht das Leben langweilig und stupide. Denn seien wir ehrlich, die wirklich schönen Momente des Lebens sind selten die, die geplant sind, sondern meistens die, die sich – gerne in den Momenten im Schlabberlook und mit ungewaschenen Haaren und unrasierten Beinen - ergeben, wenn wir sie zulassen.

 

Lass´dich nicht fernsteuern, trau' dich, du selbst zu sein! Mach' dich glücklich, auf deine eigenen ganz persönliche Art und Weise und sei stolz auf dich, so wie du bist.  Verschwende keinen weiteren Tag mehr damit andere glücklich/zufrieden/neidisch/stolz auf dich machen zu wollen, widme jeden einzelnen Tag DIR und deinen Bedürfnissen und finde heraus was dich glücklich macht. Denn nur dass sind wir uns schuldig, glücklich sein.

 

Treibe Sport, wenn es dich glücklich macht, aber nicht um Modellmaßen oder eine Bikinifigur zu erlangen. Qüale dich aber nicht mit Sport, wenn du es einfach nicht magst. Im Übrigen: Jede Frau hat eine Bikinifigur! Von Natur aus! Ernähre dich gesund, wenn dies für dich und dein Wohlbefinden förderlich ist, aber nicht, wenn du lieber etwas anderes essen würdest und dich damit nur quälst. Wir sind alle unterschiedlich und individuell, wieso sollten wir dann alles dasselbe essen oder tun? Nutze eine Waage oder eine Fitnessuhr, wenn sie dich motiviert, dich positiv beeinflusst und ein gutes Gefühl in dir weckt, aber lass nicht Zahlen dein Wohlbefinden bestimmen! Schönheit ist so viel mehr als eine Zahl und wenn Du nicht lernst, mit dem, was du hast, was du bist glücklich zu sein, wird dir das mit keinem Gewicht dieser Welt gelingen.

 

Sei motiviert, dein Bestes zu geben, aber unter ehrlicher Berücksichtigung deiner derzeitigen Möglichkeiten und Bedürfnisse und habe dabei keine Angst davor zu haben zu scheitern oder Fehler zu machen. Und wenn mal nicht alles verläuft wie geplant, du also vermeintlich versagt hast, stell’ nicht gleich dich als Mensch in Frage.

Nimm es nicht zu ernst, lache über Dich und sei nicht zu streng mit dir! Mit anderen bist du es doch meistens auch nicht oder?

 

Strahle von innen heraus, zeige deine wahre Schönheit und Einzigartigkeit. Präsentiere dich mit stolz und voller Anmut und suhle dich in Komplimenten, die du dir selbst machst. BE BEAUTY NOT CUTIE! Das gekünstelte Einheitsgesicht ist vielleicht süß, aber Schönheit ist durch Individualität, Charakter, Natürlichkeit und vor allem Authentizität gekennzeichnet.

 

Ganz besonders gefährlich ist die Selbstoptimierung und für uns Hashimoto-Patienten. Denn in den meisten Fällen sind wir von Hause aus Perfektionisten und übertrieben ehrgeizig. Wir erwarten oft mehr von uns als andere und haben nicht selten auf diese Weise so viel Stress gehabt, dass die Hashimoto Thyreoiditis ausgelöst wurde. Unser Lernprogramm sollte also nicht heißen: „immer höher, schneller, weiter“, sondern im Gegenteil: „du darfst dich auch ausruhen, dir Pausen gönnen, dich entspannen, ohne faul zu sein“, „du bist gut, so wie du bist“!

Wir erbringen aufgrund unseres persönlichen Anspruchs an uns wahrscheinlich auch bei 70% Einsatz unserer Tatkraft noch eine Leistung, die weit über dem Durchschnitt liegt. Vor allem aber sollten wir uns – wie im Übrigen alle anderen auch – nicht ständig mit anderen vergleichen. Wir sollten das Außen vielmehr lernen auszublenden und uns auf unsere Inneres konzentrieren. Lernen, was uns in die Krankheit getrieben hat und was uns persönlich gut tut. 

 

Letztendlich ist es eine Frage der Einstellung. Denn wenn du immer den Drang hast, dich zu verbessern, dann wirst du den Blick immer auf die Dinge richten, die dir verbesserungswürdig erscheinen. Dir werden die negativen Dinge übermäßig erscheinen und die Möglichkeiten etwas zu verbessern unbegrenzt. WO willst du da anfangen?

Es liegt in der Natur des Perfektionisten nie zufrieden zu sein. Richte also den Blick lieber auf die positiven Dinge. Dabei stellt sich Zufriedenheit ein und Du hast Zeit zu leben, im Hier und Jetzt! Denn andernfalls wirst du immer drauf warten, dass du endlich schlank, wieder gesund, das zweite Kind oder die Traumwohnung hast, um anzufangen zu leben. Glück und Zufriedenheit lassen sich nicht planen und konstruieren. Nur du kannst die Entscheidung treffen, glücklich zu sein und dein Leben zu nutzen und zwar ohne jegliche Bedingungen. Du darfst glücklich sein, so wie du bist. 

 

In diesem Sinne, fühlt euch gedrückt,

Eure Mutter mit Herz 

 

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Kommentare: 1
  • #1

    Natascha Mayr (Donnerstag, 11 April 2019)

    Jedes Wort berührt mich und ist genau das Thema, was mir bei all den Zeitschriften durch den Kopf gegeistert ist. Die Industrie gibt und Ideale vor und verdient an unserer Dummheit und Selbstzweifel