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Selbstliebe - der neue Superhashtag

Ihr Lieben, im Moment habe ich das Gefühl, vom Thema "Selbstliebe" geradezu überrollt zu werden.

Dabei habe ich den Eindruck, der Begriff wird sehr inflationär benutzt und nicht immer zielführend eingesetzt. Im Gegenteil, häufig habe ich sogar den Eindruck, er wird geradezu missbraucht.

 

Gemäß Wikipedia bezeichnet der Begriff „Selbstliebe“ die allumfassende Annahme seiner selbst in Form einer uneingeschränkten Liebe zu sich selbst. So ähnlich definiere ich den Begriff auch für mich selbst. In meinen Worten würde ich sagen, es geht darum, sich so anzunehmen wie man ist. Seinen Ist-Zustand, mit allen seinen positiven und negativen Eigenschaften zu akzeptieren und zu mögen, bedingungslos anzunehmen und damit glücklich zu sein. Das bedeutet nicht, sich nicht verbessern zu wollen und es heißt auch nicht, sich etwas schönzureden oder die Selbstliebe als Rechtfertigung dafür zu benutzen, sich äußerlich oder innerlich gehen zu lassen. Es bedeutet nur, nicht krankhaft perfektionistisch zu sein und sich nicht nach Idealen zu richten, die nicht den eigenen Bedürfnissen und Fähigkeiten entsprechen.

 

Ohne diese Definition könnte man bei einem Blick auf Instagram meinen, der Begriff „Selbstliebe“ beziehe sich ausschließlich auf das Annehmen seines Körpers, bzw. seines Aussehens. Es wirkt, als feierten vornehmlich etwas pummelige Menschen den Begriff der „Selbstliebe“, indem sie sich mit Vorliebe nackt oder tanzend durch die Welt bewegen und zu sagen scheinen: „ich nehme meinen Körper an, egal wie er aussieht“. Insbesondere – so scheint es – bedienen sich jene Personen sehr ausufernd des Begriffs der „Selbstliebe“, die vorher ähnlich aggressiv und exhibitionistisch ein anderes – oft sogar gegenteiliges – Körperbild gefeiert haben. Auf mich macht das deshalb den Eindruck, als hätte sich zwar die Parole, nicht aber die Verhaltensweise verändert. Denn im Grunde bleibt es bei der Körperschau, nur eben unter einem anderen Deckmäntelchen. Wo einst Muskeln aus Stahl und "gesunde" 50 Kilo als das Nonplusultra gefeiert wurden, werden heute kräftige Schenkel mit Dehnungsstreifen und Bauchfalten vor die Linse gehalten. Kann das denn glaubwürdig sein?

 

Nicht, dass die Überwindung einer Essstörung falsch wäre, im Gegenteil! Falsch erscheint mir nur, sich offenbar weiterhin nur an Äußerlichkeiten zu orientieren. Denn der Grund einer Essstörung findet sich selten auf der körperlichen Ebene. Und „Selbstliebe“ bezieht sich eben auch auf den ganzen Menschen und nicht nur auf seinen Körper. 

 

Versteht mich nicht falsch, ich bin wirklich tolerant und lasse jeden nach seiner Fasson leben. Ich habe weder etwas gegen kräftige Schenkel noch gegen durchtrainierte Menschen. Jeder kann sein Leben so gestalten, wie es ihm gefällt. Wenn mich etwas nervt, dann schaue ich weg. Und ehrlicherweise muss man sagen, dass wohl alle, die sich auf den sozialen Medien tummeln und Bilder von sich posten, zumindest ein wenig Gefallen daran finden, sich in irgendeiner Weise zu präsentieren. Aber diese unglaubwürdig inszenierte Kehrtwende ist mir einfach zu radikal, zu unreflektiert und zu sehr auf das Äußerliche fixiert.

 

Es wird vermittelt, dass du dich selbst liebst, wenn du trotz deiner Körperfülle nackt auf Instagram tanzt. Das ist aber Selbstbetrug, denn Selbstliebe ist nichts, was entsteht, weil ich nackt tanze. Und wenn ich mich selbst liebe, muss ich nicht zwangsläufig nackt sein oder tanzen. Wenn ich mich wirklich selbst liebe, dann ruhe ich in mir selbst, bin zufrieden und glücklich. Brauche nicht die permanente Bestätigung von anderen durch Likes und benutze meine Nacktheit nicht, um auf Instagram Follower zu generieren. 

 

Wenn ich wirklich ein FKK-Fan bin und Nacktsein mich glücklich macht, dann lebe ich das für mich privat aus und belästige niemanden ungefragt damit. Denn was ich damit vermittele ist nicht nur die Message: „Hallo Leute, ich habe es so nötig, dass ich euch ungefragt mit dem nackten Arsch ins Gesicht springe“, sondern auch, dass Menschen die Untergewichtig oder normalgewichtig sind, sich nicht selbst lieben können. Es wird vermittelt, dass die Motivation, etwas für seinen Körper zu tun, nicht positiv ist, sondern ein von Perfektionismus getriebener Zwang, sich einem ungesunden und unnatürlichen Körperbild hinzugeben. Und es wird vermittelt, dass Selbstliebe etwas damit zu tun hat, ob ich meinen Körper mag oder nicht. Eine sehr einseitige Darstellung, finde ich. 

 

Insgesamt gewinnt man dadurch den Eindruck, der Begriff der "Selbstliebe" wird dahingehend missbraucht, die eigene Reichweite auszubauen. Nach dem Motto: „Egal was gerade das In-Thema ist, ich bin dabei“, tummeln sich etliche Influencer und solche die es werden wollen plötzlich nackt oder tanzend in den sozialen Medien und predigen Selbstliebe. 

 

Natürlich weiß ich, dass die Aussage hinter dem Verhalten eigentlich die sein soll, dass sich die Personen eben jetzt auch ohne Superkörper lieben. Dass sie sich nicht mehr verrückt machen und einem ungesunden Körperbild hinterherlaufen, sondern sich nur noch sportlich betätigen, weil es ihnen Spaß macht und eben nicht, aus dem Zwang heraus abzunehmen oder noch mehr Muskeln aufzubauen. Ich finde eben nur, dass der gewollte Inhalt nicht glaubhaft vermittelt wird. Denn eigentlich bedeutet der Sinneswandel einfach nur, dass die Personen sich aus einem Perfektionismus befreit haben, der für sie ungesund war. Einem Zwang, der sie dazu verleitet hat, mit dem eigenen Erscheinungsbild derart unzufrieden zu sein, dass eine Art Selbsthass entstanden ist. Ein Hass, der sich jedoch nur gegen den eigenen Körper gerichtet hat. D.h., der Fokus hatte sich in der Vergangenheit bereits verschoben, sodass im Blickfeld nicht der Mensch als Ganzes, sondern auch schon nur der Körper stand. Und anstatt dies zu verändern, wurde im Grund nur das Idealbild ausgewechselt. Diese Verschiebung des Idealbildes ohne Veränderung der Verhaltens- und Denkweise, die im Grunde nichts als Selbstbetrug ist, wird jetzt Selbstliebe genannt. Auf mich wirkt das einfach nur unglaubwürdig. Aber vielleicht stehe ich mit meiner Meinung da auch alleine da.

 

Auch wenn sich mir persönlich dabei der Gedanke der Unglaubwürdigkeit aufdrängt, möchte ich niemandem zu nahetreten und auch nicht alle Nutzer des Hashtags „Selbstliebe“ über einen Kamm scheren. Es gibt sicher auch Ausnahmen. Personen, die sich ihrer Verantwortung als Influencer bewusst sind und sich vor der Veröffentlichung eines Posts Gedanken machen, wie sich der Content auf ihre - oftmals noch sehr jungen - Follower auswirkt. Und, denen die Vermittlung von Werten und Inhalte wichtiger ist, als die Anzahl ihrer Follower. Aber es gibt eben auch schwarze Schafe, bzw. diejenigen, die den Begriff "Selbstliebe" feiern, ohne ihn überhaupt verstanden zu haben. Sie drängen uns durch die permanente Präsentation ihrer nackten Körper, ungefragt in die Rolle des Voyeurs und rechtfertigen ihre missglückte Selbstdarstellung mit einer angeblichen inneren Stärke und Selbstzufriedenheit, die sie offenbar nur nackt ausstrahlen können. 

 

Ich finde, Selbstliebe lässt sich nicht auf ein bestimmtes Körperbild reduzieren. Jeder kann sich selbst lieben, egal wie er aussieht, die Hauptsache ist, er ist mit sich im Reinen. Es geht nicht darum, sich zu lieben, weil oder obwohl man ein bestimmtes Aussehen hat, sonder darum, dass es eben keine Rolle spielen sollte, wie man aussieht, sondern nur darum, wie man sich fühlt. Man liebt ja nicht nur seinen Körper, sondern eben sich als Mensch, als Einheit aus Körper und Seele. Es geht darum sich bedingungslos anzunehmen so wie man ist, innerlich und äußerlich. Es geht darum, sich zu akzeptieren wie man ist, ob dick, ob dünn, ob lang, ob kurz, ob schwarz ob weiß, sonst bleibt es doch dasselbe System. Selbstliebe kann doch nicht die Verschiebung eines Idealbildes sein! Es geht doch gerade darum, sich eben an keinem Idealbild zu messen. Das Gefühl der Selbstliebe entsteht durch eine innere Einstellung! Dadurch, dass man aufhört, sich ständig mit anderen zu vergleichen, Dinge von sich zu erwarten, die nicht den inneren Bedürfnissen und Fähigkeiten entsprechen, ein Leben zu leben, was nicht das eigene ist und ständig mehr zu wollen und besser zu sein. Ziele zu verfolgen, die unerreichbar sind und Selbsthass zu erzeugen durch Frust.

 

Was mich auch irritiert ist die Aussage: „Nur wer sich nackt am wohlsten fühlt, liebt sich selbst“. Das glaube ich ganz sicher nicht!

Es ist einfach eine Typenfrage, ob man sich nackt oder eingekuschelt wohler fühlt. Wir mögen ja auch nicht alle die gleichen Klamotten. Der eine kann nur ohne, der andere nur mit Decke schlafen, der eine hat eine sensiblere/unsensiblere Haut als der andere. Das ist auch gut so, denn sonst wären wir ja alle gleich!

 

Selbstliebe ist kein Zustand, der auf Knopfdruck entsteht, es ist ein Prozess. Man lernt sich selbst zu lieben. Das ist ein aktiver Prozess, bei dem der Entschluss, sich selbst lieben zu wollen, am Anfang steht. Der Rest ist Übungssache. Man muss durch tägliches Training eventuell lang bestehende Glaubenssätze auflösen und durch neue, positive ersetzen und das braucht Zeit. Dabei helfen kann ein allgemein guter Umgang mit sich selbst. Sich Gutes tun durch gute, gesunde Ernährung. Körperpflege, Bewegung. Dabei ist es wichtig, immer auf seine innere Stimme zu hören und seine Grenzen zu wahren. Nicht zu streng mit sich selbst zu sein, nicht zu viel auf einmal zu erwarten. Es ist auch wohltuend, gut zu anderen zu sein und sich für andere einzusetzen, denn auch das macht sehr glücklich und befriedigt unser Bedürfnis nach Gebrauchtwerden. 

 

Außerdem ist es sehr hilfreich, sich von Ballast zu befreien. Was auch immer es ist. Es können Menschen sein, in deren Anwesenheit man sich ausgelaugt und kraftlos fühlt, unnötiger Krempel, den man in seiner Wohnung lagert, aber auch Instagram-Accounts, die einen mit immer demselben Quatsch zumüllen und einen weder inspirieren noch weiterbringen.

 

Wichtig ist es, deine Bedürfnisse zu erkennen. Denn nur, wenn Du weißt, wer du überhaupt bist und dir treu bleibst, das heißt, so lebst, dass deine Bedürfnisse befriedigt und deine Grenzen gewahrt werden, wirst Du dir gerecht und das macht glücklich. Finde heraus, was dich glücklich macht und dann lebe danach. Setze es um, Schritt für Schritt.

 

Wenn Du also gerne nackt tanzt: Prima, nur zu!

Wenn Du aber lieber im Kuschelpulli einen schönen Spaziergang machst, auch gut!

Was auch immer dich glücklich macht, tue es!

 

Wir sind alle Individuen! Lass' dich nicht unter Druck setzten von vermeintlichen Zwängen: Dinge die man haben muss, mögen muss, essen muss. Das ist die eigentliche Kunst. Wenn Dir das gelingt, wird das Äußere zur Nebensache. Und der Weg zur Selbstliebe frei.

 

Eure Mutter mit Herz ♥

 

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